Pepe Pinzon war zu Besuch in Wien
Seit Jahren arbeitet die Solidarität mit Lateinamerika intensiv und erfolgreich mit der CGTG, der Confederación General de Trabajadores Guatemalteca zusammen. Deren Generalsekretär, José "Pepe" Pinzon weilte vor wenigen Wochen für einige Tage in Wien. Eine kleine Gruppe der SoL (Tina Delgado, Hermann Schaller, Michael Fend und Michael Schaller) nutzte die Gelegenheit, ihn für ein Gespräch über die Situation in Guatemala zu treffen.
Gewerkschaft will sich global zusammenschließen
Weltweit gibt es drei große Gewerkschaftsbewegungen, eine mit eindeutig marxistischer Ausrichtung, eine zweite, die sozial-demokratisch ausgerichtet ist und die CLAT, die christlich-sozial ausgerichtete Gewerkschaft, mit der auch die CGTG verbunden ist. Seitens der Gewerkschaftsbewegung wird versucht, einen gemeinsamen Dachverband zu bilden, um damit seitens der Arbeitnehmer eine starke Position gegenüber den zunehmenden neoliberalen Wirtschaft zu bilden. Pepe Pinzon war als Mitglied des lateinamerikanischen Verhandlungsteams in Wien, wobei er auch an der Erarbeitung von Positionen für den offiziellen EU-Lateinamerika-Gipfel mitgewirkt hat.
Kurzer Überblick über die Situation in Lateinamerika
Im Gespräch mit dem Team der SoL gibt Pepe Pinzon einen kurzen Überblick über die derzeitige Situation in Lateinamerika. Sie ist vor allem davon geprägt, dass auf der einen Seite ein großer Teil der Bevölkerung aufgrund von Armut und Arbeitslosigkeit von der Teilnahme an der Gesellschaft ausgeschlossen ist und auf der anderen Seite es eine kleine Gruppe gibt, die trotz Korruption in der Vergangenheit und Gegenwart bisher straffrei ausgegangen ist. Formal gibt es immer mehr Demokratie, die Armen sind aber von der Mitbestimmung in Lateinamerika ausgeschlossen. Die Parteien werden von den Reichen geprägt, die in sehr vielen Ländern Süd- und Mittelamerikas an der Macht sind, die Erwartungen der mehrheitlich armen Bevölkerung werden nicht erfüllt - Frustrationen sind vorprogrammiert.
Guatemala blickt auf eine zwanzigjährige Parteigeschichte zurück, denn das System der politischen Parteien hat erst 1986 begonnen. Die Korruption und der Drogenhandel haben zugenommen und die Parteien, die ja vor allem von der Wirtschaft finanziert werden, sind an einer Lösung der Probleme nicht interessiert. Auch der 1996 geschlossene Friedensvertrag wurde bisher noch nicht zufriedenstellend erfüllt.
Die wirtschaftliche Entwicklung Lateinamerikas muß vor dem Hintergrund des Beschlusses gesehen werden, der 1994 von Präsident Bill Clinton in Miami initiiert wurde, nämlich eine gesamtamerikanische Freihandelszone bis 2005 zu realisieren. Davon ist man noch weit entfernt, bisher wurde erst ein trilaterales Freihandelsabkommen zwischen den USA, Kanada und Mexiko ins Leben gerufen, das vor allem für Mexiko nicht von Vorteil war. Der Freihandel löst die Probleme der Länder Lateinamerikas nicht, sondern er führt dazu, dass die Landwirtschaft zerstört wird und die Länder vom Ausland abhängiger werden.
Oscar Berger, der derzeitige Präsident Guatemala, kommt aus dem Lager der Unternehmer, fast alle Regierungsfunktionen werden von diesem Lager abgedeckt. Die Kriminalität in Guatemala hat wieder zugenommen und es gibt immer mehr kriminelle Banden, die das Land beherrschen und beispielsweise bei Bussen "Maut" einheben. Der soziale Zusammenhalt nimmt ab und innerhalb der Regierung gibt es einen Konsens darüber, keine Gewerkschaften im Land zu akzeptieren.
Pepe Pinzon engagiert sich seit vielen Jahren für die Menschen Guatemalas und lässt sich auch durch Drohungen nicht einschüchtern. Auf die Anmerkung, dass er eigentlich sehr gefährlich lebt, meint er, dass er seine Meinung immer öffentlich gesagt habe. Sein Stellvertreter Rigoberto Dueñas agiert ebenso und musste aus diesem Grund für vierzehn Monate ins Gefängnis. Allein die Aussage eines Unternehmers aus dem Süden Guatemalas spricht für sich. Er meinte, dass sich die Gewerkschaftsprobleme in Guatemala am besten lösen ließen, wenn Pepe Pinzon und Rigoberto Dueñas umgebracht würden! "Wie kann man mit dieser ständigen Bedrohung leben" fragen wir Europäer. Die Antwort von Pepe Pinzon läßt nichts an Klarheit zu wünschen übrig: "Wenn man so viel Ungerechtigkeit gesehen und erlebt hat, wenn Kollegen für ihr Engagement umgebracht werden, dann kann man nicht ruhig bleiben und still weiterleben!" Auch die obligatorische Frage, was wir tun können, bleibt nicht unbeantwortet: "Projekte wie das Gesundheitszentrum oder die Ausbildung von Gesundheitspromotoren, die wir mit Eurer Unterstützung realisieren können, laufen gut. Wichtig ist aber auch der politische Druck, der im Bedarfsfall vom Ausland aus gemacht wird. Briefe, Faxe und elektronische Mails an den Präsidenten und an die Ministerien sind ein effizientes Druckmittel – die Regierungen fürchten nichts so sehr wie den öffentlichen Druck aus dem Ausland!"
Immer wieder kommt es dazu, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Gewerkschaft bedroht werden. Von einem vor einiger Zeit ermordeten Kollegen wird nun auch die Frau bedroht, eine Witwe mit vier kleinen Kindern. Die Gewerkschaft nutzt alle Medien, die ihr nahe stehen, um so der Frau durch die entsprechende Öffentlichkeit in Mindestmaß an Schutz zu gewähren.
Dramatisch ist auch der Fall einer Kollegin von der Luftfahrtgewerkschaft. Auf sie wurden innerhalb kurzer Zeit zwei Anschläge verübt. Zuerst wurden die Reifen ihres Autos zerstört, so dass sie einen Unfall hatte, eine anderes Mal wurde die Lenkung ihres Autos manipulierte, sie überschlug sich mehrmals mit ihrem Fahrzeug. Dieser Vorfall wurde von der Gewerkschaft bei den Behörden angezeigt, es gab aber keine Untersuchungen. Daraufhin hat die Gewerkschaft diesen Fall bei der internationale Arbeitnehmerorganisation der Vereinten Nationen ILO angezeigt.
Wie gefährlich sein Engagement auch für ihn immer wieder wird, zeigte sich am Beispiel einer großen Demonstration, die die Gewerkschaft im März 2005 durchführte. Die Demonstration wurde von der Polizei mit Tränengas aufgelöst, Pepe Pinzon und andere Gewerkschaftsführer sollten verhaftet werden. Als der Kardinal von Guatemala von der gewaltsamen Auflösung hörte, setzte er sich gemeinsam mit dem staatlichen Menschenrechtsprokurator in Bewegung, um sicher zu stellen, dass Pepe und seinen Kollegen nichts passieren würde, diese konnten zum Glück in ein Privathaus flüchten.
Pepe Pinzon wird Anfang November für einige Tage nach Österreich kommen. Die SoL wird die Gelegenheit nutzen und plant eine Veranstaltung mit ihm und steirischen Arbeitnehmervertretern.
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