Erste Kontakte
Eine
Begegnung mit einer mexikanischen Reisegruppe in Graz (1972),
der Austausch von Adressen, meine Schreibfreudigkeit und
meine Abenteuerlust führten
zu vielen Reisen nach Mexiko. Bei zwei einjährigen Aufenthalten (Unterricht
in der Montessorischule San Pedro und Deutschunterricht am Deutschen Kulturzentrum
und in der Universidad Autonomo de Nuevo Leon in Monterrey) und vielen Rucksackreisen
durch das Land lernte ich die Menschen und ihre Kultur kennen. Über Freunde
lernte ich 1980 P. Pascual, einen mexikanischen Franziskaner, kennen. Er lebt
seit 1969 bei den Coras in der Sierra de Nayarit. Ein Besuch in Mesa del Nayar
beeindruckte mich tief. Es waren die Menschen und die grandiose Bergwelt, die
mich nicht mehr los ließen. Wieder in Österreich erfuhr ich durch
Zufall vom "Arbeitskreis 3. Welt im Vikariat unter dem Wienerwald". Dieser
fördert, koordiniert und begleitet Projekte in aller Welt. P. Pascual
schrieb mir, dass sich das kleine Dorf " El Cangrejo" eine Schule für
ihre Kinder wünscht. Mit einem Finanzierungsplan fuhr ich nach Wiener
Neustadt und wurde dort gleich mit der Leitung des Projektes betraut.
Schulbau für die Coras
Mit
einer kleinen Gruppe startete ich im Sommer 1988 nach Mexiko.
Ein Schulraum und die Küche waren bei unserer Ankunft bereits fertig gestellt. Wir mussten
bald einsehen, dass der Schulbau doch nicht das Richtige für uns war.
Für die Grundmauern wurden riesige Felsblöcke aus dem Boden ausgegraben
und mit einer Spitzhacke oder einer Machete behauen. Wir überließen
diese Arbeit lieber den jungen Burschen, die mit uns aus La Mesa mitgekommen
waren. Dafür übernahmen wir die Arbeit auf den Maisfeldern und legten
Gemüsegärten an. Die SchülerInnen, die großteils im "Missionsinternat" leben,
müssen für die Unterkunft und das Essen arbeiten. Zur Schule gehören
Maisfelder, Bohnenpflanzungen, Bananenstauden, Avocadobäume und ein Hühnerstall.
All das muss von den SchülerInnen betreut werden. Bei unserem ersten Aufenthalt
verbrachten wir vier Wochen im Dorf. Wir waren in zwei Hütten untergebracht
und ernährten uns wie die Dorfbewohner: Zweimal am Tag gab es Mais und
Tortillas. Der Anfang war nicht leicht. Zu oft schon war das Vertrauen der
Coras missbraucht worden und so gelang es uns kaum, mit den Bewohnern Kontakt
aufzunehmen. Aber mit der Zeit wuchs eine Freundschaft. Am Ende unseres Einsatzes
wurden mit den Bewohnern weitere Schritte für eine Zusammenarbeit überlegt:
- eine Krankenstation und ein Gesundheitsprogramm,
- ein Landwirtschaftsprojekt,
- die Finanzierung einer Wasserleitung
- der Bau von Lehmziegelhäusern,
- der Bau einer Tischlerei, die für jeden zugänglich ist,
sowie
- der Bau eines Gemeindehauses.
Drei Arbeitseinsätze führten wir durch (1988, 1989, 1990). Bei jedem
Besuch stellten wir Veränderungen im Dorf, aber auch allgemein
im Land fest.
Die Folgen der Zivilisation: Konsum, Abholzung,
Kriminalität,...
1992
und 1996 besuchte ich Mesa del Nayar und El Cangrejo wieder.
In La Mesa gibt es nun ein "Consupo", ein kleines, staatliches Geschäft. Dort werden
nicht nur lebensnotwendige Dinge, sondern auch Alkohol und Zigaretten verkauft.
Alkohol und Rauchen waren bislang nur bei religiösen Zeremonien erlaubt.
Nun bringt der unkontrollierte Genuss große Probleme mit sich. Vor allem
die Jugendlichen sind gefährdet. Da die Menschen sehr wenig Geld haben,
stehen sie mit ihrem Vieh, mit Land oder mit den Ernteerträgen gut. Die
Preise sind natürlich überhöht und so kommen die Coras bald
in eine Abhängigkeit. Da die Geschäfte von Mestizen geführt
werden, gelangen diese zu Grundstücken und siedeln sich in La Mesa an.
Der Staat hat nun eine Straße von der Küste über die Berge
in das Landesinnere gebaut. Sie soll den schnelleren Obsttransport gewährleisten.
Die Straße ermöglicht aber auch den Holztransport. In vielen Teilen
des Gebietes werden die Wälder abgeholzt und in der Trockenzeit sind die
Transporter Tag und Nacht unterwegs. Aufforstung ist unbekannt. Die Coras mussten
früher ihren Bürgermeister um Erlaubnis fragen, wenn sie einen Baum
fällen wollten. In Cangrejo ist nun ein Dorfstreit ausgebrochen. Die einen
wollen durch die Abholzung Geld mitverdienen, die anderen wollen ihren Lebensraum
bewahren. Mir ist es übrigens noch nie gelungen, mit dem Bus oder mit
einem Privatauto von La Mesa nach Tepic zu fahren. P. Pascual und Freunde haben
Angst, da kaum eine Woche vergeht, in der der Bus nicht überfallen
wird.
...Drogenanbau und Drogenkriminalität!
In
den letzten Jahren steigt auch das Problem des Drogenanbaus.
Durch die Abgeschiedenheit und die vielen Schluchten ist
das Gebiet kaum kontrollierbar. Auch die Dorfbewohner von Cangrejo
wurden von anderen Coras aufgefordert, beim Anbau mitzumachen
Als sie dies ablehnten, wurde ihr Dorf überfallen, ein Kind getötet
und eine Frau schwer verletzt.
Welche Lösung gibt es für die Dorfbewohner? Wenn sie beim Anbau nicht
mitmachen, werden sie von den eigenen Leuten getötet. Wenn sie aber mitmachen,
kommen die Soldaten und töten sie. Es scheint eine fast
aussichtslose Situation zu sein.
Bei ihren Festen verwenden die Coras auch eine Droge: Peyote
. Einmal im Jahr schickt nach der Maisernte jede Cora - Gemeinschaft
eine Gesandtschaft nach Sierra Catorce aus. Die Coras legen
oft bis zu 400 Kilometer zu Fuß zurück,
um in den umliegenden Bergen der Stadt Real de Catorce nach
dem Peyote - Kaktus zu suchen.
Als ich nun vor zwei Jahren mit einer mexikanischen Freundin
das Dorf El Cangrejo besuchte, war die Dorfgemeinschaft fast
zerfallen, die Schule geschlossen,......Was war geschehen?
Im Dorf hatten sich Gruppen gebildet. Viele wollten mehr
Geld verdienen und bei der Abholzung oder beim Drogenanbau
mitmachen. Andere wollten ihre alte Lebensweise behalten.
Der Bürgermeister bzw. der Gouverneur
des Gebietes hatten kaum mehr Einfluss, da die Jugendlichen die alten Bräuche
nicht mehr anerkannten. Die Gewalt und die Unsicherheit im
Dorf wuchsen, und so waren die Lehrer aus La Mesa (Coras)
nicht mehr bereit zu bleiben. Die Schule wurde geschlossen.
Wir versuchten mit einigen, eine Lösung des Problems zu finden. Die Frauen
und Männer des Dorfes mussten nun selber aktiv werden. Der Bürgermeister
und der Rat der Alten konnten das Geschick des Dorfes nicht mehr alleine leiten.
In einer Versammlung beschlossen sie: einen Lehrer zu suchen, die Frauen verstärkt
bei der Arbeit in der Schule einzubinden und sie bei den Versammlungen als
vollwertiges Mitglied zu akzeptieren, Darlehen für Saatgut und Vieh zu
gewähren, ihre Bräuche und Riten in der Schule zu pflegen, gegen
die Abholzung ihrer Wälder Schritte zu unternehmen,
......
Ob sie es schaffen, ihre Identität in einer neuen Zeit zu finden? Die
Berge sind kein Schutz mehr für sie. Immer mehr Menschen mit anderen Bräuchen
und Sitten kommen in ihr "Land".
Probleme auch in anderen Teilen des Landes!
Aber
nicht nur die Coras, auch andere indigene Gruppen im Norden
des Landes, kämpfen mit diesen Problemen. Von Chihuahua fuhr ich mit den Zug , dem
berühmten Ferrocarril Chihuahua al Pacifico, durch die Sierra Tarahumara.
Die bizarren Schluchten ziehen, seit es die Eisenbahn gibt, viele Bewunderer
an. Im Zug fahren Polizisten mit Hunden mit, um die Fahrgäste vor Überfällen
zu schützen. Landlose Siedler oder Holzfäller siedeln sich entlang
der Bahnlinie an. Die Tarahumaras wollen von den Weißen und den Mestizen
in Ruhe gelassen werden und ziehen sich tiefer in unzugänglichere Gebiete
zurück. Die Frauen und Kinder kommen zu den Bahnstationen
und warten auf die Touristen, um Handarbeiten zu verkaufen
oder um zu betteln. Die Holzfirmen haben kein besonderes
Interesse an einem Fortbestand der indianischen Stammesstruktur,
hier geht es um Profit. Entlang der Bahnlinie wird gerodet
und es liegen viele Festmeter Holz zum Abtransport bereit.
Eine Mestizin erzählte mir, dass es bei den Jugendlichen große Probleme
mit Alkohol und Drogen gibt, da sie keine Arbeit haben. Bei der Rückfahrt
kommt der Zug um Mitternacht in Chihuahua an. Der Bahnsteig
ist von Soldaten mit angeschlagenen Waffen und Hunden
abgeriegelt. Touristen und Einheimische werden nach Drogen
durchsucht.
Seit einigen Jahren wird nun auch eine Straße von Chihuahua an die Pazifikküste
gebaut.
Mexiko heute:
In
diesem Sommer war ich als Tourist in Mexiko unterwegs. Die
Landwirtschaft ist noch immer das Sorgenkind der mexikanischen
Regierung. Die Verteilung des Grundbesitzes ist nicht zufriedenstellend
gelöst. Viele Bauern sind ohne
Land und fristen als Tagelöhner ihr Leben. Die Regierung spart und hat
die Subventionen für Grundnahrungsmittel gekürzt und die Fahrpreise
für öffentliche Verkehrsmittel erhöht. Das trifft vor allem
die ärmeren Bevölkerungsschichten.
Gregoria ist seit 35 Jahren Hausmädchen in Monterrey. Im Monat verdient
sie umgerechnet S 3000.-. Da sie aber nicht in einem öffentlichen Betrieb
angestellt ist, bekommt sie einmal keine Pension. In einem Randbezirk hat sie
sich ein kleines Grundstück gekauft und ein Haus gebaut. Das Wasser muss
sie bei einer Wasserleitung auf der Straße holen. Die Straße ist
nicht geteert. Wenn sie als Hausmädchen nicht mehr arbeiten kann, möchte
sie dort ein Geschäft mit Nähutensilien
aufmachen.
Seit Mexiko bei der NAFTA ist, wird das Grenzgebiet
zu den USA ausgebaut: Straßen,
neue Grenzübergänge, Fabriken, ...................Im Land sperren
immer mehr kleine Fabriken, die mit dem technischen Standard nicht mithalten
können, zu. Die Arbeitslosenrate steigt.
Reynold war Ingenieur in einem chemischen Betrieb.
Er ist bereits im Ruhestand, aber durch die ständige
Inflation bekommt er sehr wenig Pension. So arbeitet
er wieder an drei Tagen in der Woche.
Da die Kaufkraft der Mexikaner abnimmt, sperren immer
mehr Geschäfte
in den riesigen Einkaufszentren Monterreys zu. Allein
die vielen Cafes und kleinen Restaurants sind voll.
Chips und Coca Cola gibt es an jeder Ecke.
Von einem Aufenthalt in Mexiko City hat man uns dringend
abgeraten. Viele Banden treiben ihr Unwesen und machen die
Stadt unsicher. Eine Bande hat Mitglieder bei den Taxifahrern.
Fast jeden Tag hört man von Entführungen von
Fahrgästen. Die Bande nahm sie als Geisel, um Geld zu erpressen. Sie sind
sehr grausam und schrecken auch vor Mord nicht zurück. Kurz vor unserer
Rückkehr nach Österreich konnte eine Bande gefasst werden. In Mexiko
City beherrscht das Militär das Straßenbild. Im ersten Augenblick
ist es ein erschreckendes Bild, denn es sieht nach einem Ausnahmezustand aus.
Die Soldaten sollen verhindern, dass die vielen Verkaufsstände
am Gehsteig wieder aufgestellt werden. Am Zocalo,
dem Platz vor der Kathedrale, demonstrieren immer
Gruppen, die aus ganz Mexiko kommen. Die Demonstranten
bleiben oft wochenlang und schlafen am Hauptplatz
in Zelten aus Plastik und Kartons.
Die Probleme in Mexiko sind für mich durch die Vielfalt der Regionen,
die verschiedenen indigenen Gruppen schwer zu beschreiben. Arbeitslosigkeit,
Alkohol, Drogen und die Angst vor weiteren Inflationen sind die Sorgen, die
ich aus Gesprächen mit Mexikanern heraushören konnte. Auch die Angst
vor der anwachsenden Kriminalität beunruhigt sie. Von vielen Vorfällen
soll angeblich nicht in den Medien berichtet werden,
um die Touristen nicht zu beunruhigen.
Gudrun Wallner (I/99)